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Testbericht auf 1000PS.at | Fotos: Erwin Haiden, Ingrid Ziechert | Text: Erwin Haiden

Aprilia Sportcity 300 Street

Präzise und elegant fädle ich mich mit meiner Honda Lead 100 durch die stauend heiße Blechwurst am Wiener Gürtel. An deren Ende warten wir alle gemeinsam auf den grünen Startschuss: 1,07 Personen pro PKW und ich.

Nach meinem Vorbeischleichen dürfen keinen offenen Fragen bleiben, und genau da tut sich ein Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf. Meine alte Lead - leistungsmäßig auf dem Niveau getunter 2-Takt-Mopeds - ist ein zweckmäßiges Stadtgerät ohne Extras. In der Zeit, die ein Motorrad auf 200 beschleunigt nähere ich mit der 50km/h Marke. Beschluss: Ein neuer Roller muss her.


Möglichst kompakt, leicht und stark

Ich möchte einen kleinen, leistungsstarken Roller - einen, der eben aussieht wie ein Roller, keine 1100er mit Trittbrett, keinen speckigen 200 Kilo Schaukelstuhl - und da ist die 300er-Klasse so etwas wie die Schallmauer. So wie die Vespa 300 GTS, ein ewiger Klassiker, wunderschön, keine Frage, vielleicht etwas breit um die Hüften, ganz sicher nicht billig zu haben. Oder die Honda SH300i, schlank, mit 27PS etwas stärker als die Vespa, motorisch sicher top, etwas biedere Optik, das selbe gilt übrigens auch für den Kymco People GTI 300. Der Piaggio Beverly 350 spielt dagegen was die Pferdchen angeht in einer anderen Liga, aber auch er ist ein relativ dickes Bröckerl. Dann ist man im nächsten Schritt gleich beim Beverly 500, dann Duke, oder Superduke, oder gleich eine Pangiale, dann eine 6-Zylinder Bosshoss oder ein Trike mit Turbomotor, wo soll das nur enden?

Daher fällt meine Wahl auf die Aprilia Sportcity 300. Baugleich mit der Derbi Rambla 300, besitzt sie den von Konzernmutter Piaggio bekannten 278ccm Motor mir 22PS und 23Nm Drehmoment. Sie wirkt schlanker und kompakter als die Honda SH300, kommt optisch deutlich jünger und dynamischer ums Eck und hat ein flaches Trittbrett (für Rucksack, Einkäufe u.ä.). Wäre da nicht der 130er 15-Zoll Hinterreifen, sie würde optisch glatt als 50er Moped durchgehen.


“... mit sinkender Sonne steigt mein Tempo durchs schattige Triestingtal ...”

NastyNils befiehlt: “Beim Ginzinger in St. Pölten kannst du das Testgerät abholen, ist alles hergerichtet”. Also begebe ich mich auf Mission in die Landeshauptstadt um den Rückweg nach Wiener Neustadt zum Einfahren zu nutzen. In St. Pölten drückt mir Walter Prohaska die Schlüssel in die Hand. Ich starte das Aggregat, angenehm leise der Motor, am Weg zur ersten Tankstelle fühlt sich alles noch ein wenig ruppig an - so kenne ich das auch von unseren Mountainbikes. Doch schon auf den ersten Metern wird klar: Die Aprilia ist ein Wolf im Schafspelz.

Die Herbstabende sind kalt und mit sinkender Sonne steigt mein Tempo durchs schattige Triestingtal - und mit steigender Kilometerzahl fangen die Stoßdämpfer allmählich an so zu arbeiten wie sie sollen. Ohne den Motor allzusehr zu quälen klettert die Tachonadel schnell und problemlos über die 110km/h Marke. Auch das Handling ist kein Vergleich zur alten Honda Lead. Trotz auffrisierter Moped-Optik ist die Aprilia deutlich erwachsener als die klein-bereiften Kollegen.


Optik

Die Sportcity 300 Street ist eine Sondervariante der 300 Cube. Größter Unterschied sind die markant sportlichen Aufkleber, eine zweifarbige Sitzbank und ein minimalistischeres Cockpit mit analogem Tacho und großem Multifunktions-Display. Der Front-Scheinwerfer ist zweigeteilt mit separaten Scheinwerfern für Fern- und Abblendlicht. Doppel-Heckscheinwerfer und Blinker verrichten ihren Dienst hinter weißem Glas. Der Stauraum unter der Sitzbank reicht für Jethelm und kleinere Einkäufe - das Staufach vor dem Fahrer für Geldbörse, Sonnenbrille und ein paar Büroklammern.






Givi B33 Topcase

Für mehr Platz sorgt in unserem Fall das Topcase B33 von Givi, das optisch sehr gut zur Sportcity passt. Das Case ist auch in der Handhabe eine ganz andere Generation als das alte E300 der Honda Lead. Außen ohne Ecken und Kanten, ist es auf der Innenseite mit Dichtungen versehen. Das Verschließen kann so auch ohne Schlüssel erfolgen. Mit einem Klick rastet der Deckel im Schloss ein. Als Zubehör gibt's Beifahrer-Rückenposter und sogar eine Fernbedienung.













Technische Daten

Motor flüssigkeitsgekühlter 1-Zylinder 4-Takt-Motor, mit elektronischer Einspritzung
Hubraum 278,3 ccm
Leistung 16,5 kW (22,5 PS)
Tankinhalt 7,5 Liter (1,5 Liter Reserve)
Sitzhöhe 775 mm
Getriebe stufenlose Automatik
Bremse vorne 2 Scheiben, Ø 260 mm
Bremse hinten    Scheibe, Ø 220 mm
Reifen vorne:120/70-15", hinten: 130/80-15"
Listenpreis EUR 3.999,- inkl Steuern (Aktionspreis)







Fazit

In der Stadt ist die Sportcity eine Waffe. Ein Dreh am Gasgriff und das Gerät spurtet entspannt und in Sekundenschnelle von 0 auf 50 - da bleiben keine Fragen mehr offen. Selbst am Ende des Orts zieht die Sportcity mit ordentlich Schub vorwärts. Auf den kurvigeren Strecken rund um die 1000PS Konzernzentrale kann ich mir den einen oder anderen Grinser nicht verkneifen. Die Sportcity bremst dank Doppelscheibe vorne richtig bissig, lenkt schön ein, zieht präzise durch engen Kehren um am Scheitelpunkt mit einem Dreh am Gasgriff schön aus der Kurve zu kommen. Wäre nicht die aufrechte Sitzposition, fast würde ich vergessen auf einem Roller zu sitzen. Nur in schnellen, langgezogenen Kurven und auf schlechtem Asphalt vermittelt das relativ harte Fahrwerk, im speziellen die Gabel nicht immer das gewünschte Feedback.

Davon abgesehen ist die Sportcity für mich ein super Allround-Motorrad. Perfekt und komfortabel in der Stadt und stark genug um einmal alle paar Monate auf kurvigen Landstraßen Spaß zu haben.


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